Prozessmanagement ist nicht Standardisierung„Überrascht mich mit euer Aggressivität“, fordert Netz-Unternehmer Samwer von seinen Leuten. Die Süddeutsche Zeitung berichtet über einen Trend zu aggressiverem Verhalten in der digitalen Wirtschaft. Uber Chef Kalanick brüstet sich damit, gezielt nationale Gesetze zu übertreten und damit erfolgreich zu expandieren. „Aggressives Verhalten ist in Ordnung“, wird er zitiert. Ich denke, dass dieser Trend zur Aggressivität eine Tendenz zu flüchtigen Geschäftsbeziehungen wiederspiegelt.

Der SZ-Autor diskutiert, ob dieses Vorbild gesellschaftlicher Eliten (wie erfolgreichen Unternehmern) langfristig zu einer Verrohung führt. „Entsteht eine Gesellschaft, in der jeder höchstens dann noch an der Ladenkasse das Portemonnaie herausholt, wenn die Polizei schon neben ihm steht?“ Der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer von der Uni Bielefeld berichtet über Untersuchungen zur Straflust von angehenden Juristen und Pädagogen, die „Verschiebungen“ zeigen, „die wir früher nicht für möglich gehalten haben“. (SZ, 3.1.2015, S. 25 „Schlag dich durch!“ von Henning Hinze)

Kooperation setzt sich langfristig durch?

Mich hat der Artikel an die Forschungen von Robert Axelrod erinnert. Der amerikanische Sozialwissenschaftler hat Anfang der 1980er Jahre spieltheoretisch nachgewiesen, unter welchen Umständen konfrontatives oder kooperatives Verhalten erfolgreich ist. (Evolution der Kooperation) Sein Ergebnis: Wenn ich in einer Begegnung davon ausgehen muss, dass ich demselben Gegenüber in ähnlicher Situation noch häufiger begegne, ist Kooperation die erfolgreiche Strategie. „Tit for Tat“ habe sich gegenüber allen anderen erprobten Strategien als langfristig erfolgreich herausgestellt: Im ersten Schritt Vertrauen „schenken“, in weiteren Schritten das eigene Verhalten vom Verhalten des Gegenüber abhängig machen. Setzt mir mein Gegenüber im ersten Schritt Konfrontation entgegen, wähle ich im nächsten Schritt auch Konfrontation. Treffe ich auf Kooperation, bleibe ich meinerseits dabei.

Prozessmanagement ist nicht Standardisierung

Diese Quintessenz der Axelrod-Studie hat sich bis in die Management-Seminare unserer Zeit herumgesprochen. „Kooperation zahlt sich aus.“ Und jetzt diese zur Schau gestellte Aggressivität von Unternehmern – was kommt da auf uns zu? Ich habe mir die Studie von Robert Axelrod noch einmal genauer angeschaut und stoße auf eine kleinen, aber in diesem Zusammenhang wichtige Differenzierung:

„Tit for Tat“ – wie du mir, so ich dir

Die Strategie „Tit for Tat“ ist nur dann langfristig überlegen, wenn beide Parteien davon ausgehen müssen, dass sie sich noch häufiger begegnen und diese Sequenz nicht begrenzt ist. Bei einmaligen Begegnungen sei die Konfrontations-Strategie „robust“, wie Axelrod es ausdrückt. Ebenso ist es, wenn die Anzahl der gemeinsamen Interaktionen von vornherein bekannt ist. Je häufiger die gleichen Interaktionspartner aufeinandertreffen, desto besser schneidet im Vergleich die Strategie „Tit for Tat“ ab. Ist die Häufigkeit der Begegnungen nicht bekannt, ist diese Strategie eindeutig überlegen.

lose und feste Koppelung in Geschäftsbeziehungen

In deutschen Management-Schulen wird eine Führungs-Philosophie des Mittelstand gepflegt. Der Unternehmer – oder wie in der systemischen Schule die Unternehmer-Familie – stehen im Mittelpunkt. Entscheidungen und Führungsverhalten sind auf mittel- und langfristige Effekte ausgerichtet. Damit grenzen sich die Lehren klar von der amerikanischen Sichtweise ab, die sich am Kapitalmarkt orientiert.

Kapitalmarkt = Ellbogenmarkt?

Und hier genau liegt der entscheidende Unterschied: In einem Familienunternehmen sind die Akteure auf lange Sicht fest miteinander gekoppelt („Enkelfähigkeit des Unternehmens“), auch die Geschäftsbeziehungen werden auf lange Sicht ausgebaut. Im Kapitalmarkt wechseln die „Eigentümer“ eines Unternehmens häufig im Sekundentakt. Das Verhalten des Unternehmens wird sich zwangsläufig auf flüchtige Begegnungen ausrichten. Dies umso mehr, wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens darauf baut, Marktteilnehmer im anonymen Netz zusammenzubringen und Geschäft abzuwickeln. Diese Geschäftsmodelle gehen nicht davon aus, dass sich zwei Geschäftspartner ein zweites Mal treffen. Diese Verschiebung zu flüchtigen Geschäftsbeziehungen fördert demnach konfrontatives Verhalten, denn je kurzfristiger die Beziehung, desto erfolgreicher ist Aggressivität.

StarkeWirtschaft braucht starken Staat

Daraus folgt meiner Meinung nach, wie wichtig sanktionierte Regeln im Geschäftsleben werden. Wenn die Kontrolle über soziale Beziehungen nicht mehr greift, spielt formale Compliance eine größere Rolle. Die Regeln, die innerhalb von Unternehmen und zwischen Geschäftspartnern gelten, müssen aber durch starke Institutionen garantiert werden. Denn die Logik der Konflikttheorie belegt, wie stark der Drang zu aggressivem Verhalten wird. Und das Verhalten von Unternehmen wie Uber zeigt klar, wie das zu verstehen ist: wenn nationale Gesetze nicht passen, gelten sie als verkorkst oder veraltet und werden einfach gebrochen. Soll der Staat erstmal kommen und sein Recht durchsetzen.

(Zum Nachlesen: Die Studievon Axelrod ist in einem Wikipedia-Artikel gut verständlich beschrieben.  Hier überträgt Axelrod seine Erkenntnisse auf die Evolution. Dieser Transfer ist auch für das Management wichtig – denn Märkte funktionieren nach evolutionärer, nicht nach rationaler Logik.)

Foto: Ponte Vecchio Florenz von Giorgio Galeotti, Flickr Kommerzielle Nutzung erlaubt

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